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47. Der Grosse Umkehrer
Darke Buch

Marcia machte sich daran, die paarigen Geheimformeln zusammenzufügen. Ihr kleines Studierzimmer war übervoll und die Atmosphäre spannungsgeladen. Selbst Nicko, der sich nicht übermäßig für Magie interessierte, sah neugierig zu.

Das kleine Fenster erglühte im Schein des verblassenden Schutzschilds gespenstisch rot, aber das Zimmer selbst war hell erleuchtet, denn auf Marcias Schreibtisch stand ein mehr oder weniger großer Kerzenständer. Zwei Bücher – Die Vernichtung der Dunkelmächte und Der Schwarze Index – lagen aufgeschlagen auf dem Tisch. Daneben war ein lila Samttuch ausgebreitet, darauf lagen eine kleine silberne Dose und eine kleine silberne Scheibe.

Alther verfolgte das Ganze aus der Vogelperspektive. Um nicht versehentlich passiert zu werden, hatte sich der Geist auf die oberste Sprosse einer Bibliotheksleiter gesetzt. Er war sehr gespannt. Die Anwendung der paarigen Geheimformeln kannte er nur aus der Theorie. Zu seiner Zeit als Außergewöhnlicher Zauberer waren die beiden Bücher, die den Schlüssel zur Entzifferung der Geheimformeln enthielten, schon lange verschollen gewesen. Marcia hatte Die Vernichtung der Dunkelmächte erst vor ein paar Jahren in Tante Zeldas Hüterhütte wiederentdeckt, und sie wusste, dass irgendwo auf den Seiten des Buchs der Große Umkehrer versteckt war – jene sagenumwobene Zauberformel gegen Dunkelkräfte, die bei jedem aktiven Schwarzkünstler mehr gefürchtet war als alles andere. Aber die Worte des Zaubers waren wahllos auf das ganze Buch verteilt. Wenn man sie finden wollte, brauchte man den Index zu dem Buch, den Schwarzen Index.

Trotzdem war es nicht einfach. Um den genauen Wortlaut des Großen Umkehrers zu ermitteln, genügte es nicht, einfach nur im Index nachzuschlagen – man musste auch die richtigen Seiten im Index kennen. Hier kamen die paarigen Geheimformeln ins Spiel. Um herauszufinden, welche Abschnitte im Schwaigen Index auf die richtigen Seitenzahlen und Wortzahlen in der Vernichtung der Dunkelmächte verwiesen, mussten die paarigen Geheimformeln gelesen werden. Und zwar korrekt.

Und genau dies sollte nun geschehen. Unter den gespannten Blicken von Silas, Septimus, Jenna und Nicko – und dem über allen schwebenden Alther – begann Marcia, die paarigen Geheimformeln zusammenzusetzen.

Marcia hob die Zaubererturm-Hälfte der Formeln aus der Dose und legte sie auf das quadratische Samttuch, auf dem sein Gegenstück – zuletzt weit unwirtlichere Umgebungen gewohnt – bereitlag. Dann nahm sie die beträchtlich kleinere Scheibe des Manuskriptoriums und setzte sie auf die Ausbuchtung um das Loch in der Mitte der Zaubererturm-Scheibe. Ein blauer Funke leuchtete auf, und im nächsten Moment schwebte die Scheibe des Manuskriptoriums einen Millimeterbruchteil über der des Zaubererturms. Dann begann sich die Scheibe des Manuskriptoriums zu drehen. Langsam zunächst, dann immer schneller, bis nur noch leuchtende Wirbel zu sehen waren. Schließlich ertönte ein scharfes Klicken, und die rotierende Scheibe war eingerastet.

Alle reckten die Hälse, um besser sehen zu können. Die beiden Scheiben schienen zu einer verschmolzen zu sein, und es war deutlich zu sehen, dass die strahlenförmigen Linien auf der Manuskriptorium-Scheibe sich mit einigen Linien auf der Zaubererturm-Scheibe verbunden hatten. Und jede dieser Linien wies auf ein Symbol. Ehrfürchtige Stille trat ein. Dies waren die Symbole, die man benötigte, um den Großen Umkehrer in Gang zu setzen, der wiederum das Dunkelfeld auflösen und die Burg befreien würde.

Marcia zückte ihre Lupe und besah sich die Symbole genauer.

»Bereit, Septimus?«, fragte sie.

»Bereit«, antwortete Septimus, in der einen Hand sein kostbares Lehrlingstagebuch, in der anderen einen Stift, den er gezückt über einer leeren Seite hielt.

Das rote Glühen des erlahmenden Schutzschilds erfüllte nun das gesamte Studierzimmer und überstrahlte das Kerzenlicht. Es fiel auf die glatte, leere Seite des Tagebuchs und warf bedrohliche Schatten in den Raum. Septimus wusste, dass der Schutzschild bald durchbrochen werden würde – jede Minute konnte es so weit sein. Er wartete, bereit, die Abfolge von Symbolen zu Papier zu bringen, die sie zum Großen Umkehrer führen würde. Aber warum fing Marcia nicht endlich an, die Symbole vorzulesen? Die Zeit drängte.

Jenna ahnte den Grund, hatte aber verzweifelt gehofft, dass sie sich irrte. Jetzt hielt sie die Ungewissheit nicht länger aus und beschloss, ihr Recht auf Auskunft in Anspruch zu nehmen.

»Marcia, woher wissen Sie eigentlich, mit welchem Symbol sie beginnen müssen?«

Marcia war sich bewusst, dass sie alle Fragen der Prinzessin im Wartestand »umgehend, umfassend und wahrheitsgemäß« beantworten musste. Und so schaute sie auf und sah Jenna in die Augen.

»Ich weiß es nicht«, sagte sie.

Bedrückende Stille legte sich über den kleinen Raum, denn jedem war klar, was Marcias Antwort bedeutete.

In ständiger Angst, von einem Gespenst erkannt zu werden, bahnte sich Simon einen Weg durch den schwarzen Nebel. Am Südtor hatte er keine Probleme gehabt. Das Gespenst, das dort Wache hielt, hatte ihn mit einem knochigen Arm gepackt und hineingezogen, ohne ihn auch nur anzusehen. Aber ihm war klar, dass er beim nächsten Mal wohl nicht so viel Glück haben würde. Er wünschte, Lucy hätte nicht von ihm verlangt, seine schwarzmagischen Mäntel wegzuwerfen. Jetzt hätte er die »scheußlichen alten Dinger«, wie Lucy sie genannt hatte, gut gebrauchen können. Sie hätten ihn vor dem schwarzen Nebel geschützt, der zum Ersticken war, viel schlimmer noch als im Palast, als der Nebel noch neu gewesen war. Seitdem hatte er allen, die er überwältigt hatte, Energie entzogen, und so drückte er sich nun auf Simon wie ein schweres Kissen, verstopfte ihm die Ohren, verschloss ihm die Augen und machte jeden Atemzug zur Qual.

Simon hatte das Gefühl, mit Bleischuhen unter Wasser zu gehen, als er sich die Zaubererallee hinaufkämpfte, dem rötlichen Licht des schwächer werdenden Schutzschilds entgegen. Auf der Höhe des Manuskriptoriums sah er trübe Schatten von Gespenstern auftauchen und dem Großen Bogen zustreben, wo sie sich versammelten und darauf warteten, dass die Barrikade fiel. Langsam wie in einem Albtraum watete Simon auf die andere Seite der Allee und schlüpfte in eine schmale Gasse, die außen um die Mauer herumführte, die den Hof des Zaubererturms umschloss. Sein Ziel war die geheime Seitenpforte der Außergewöhnlichen Zauberin, die von außen nicht zu sehen und deshalb, wie er hoffte, der Aufmerksamkeit der Gespenster entgangen war.

An dem Türstock angekommen, der die Stelle markierte, wo sich die verborgene Pforte befand, wurde ihm plötzlich schwindlig. Es kam ihm vor, als wäre der Nebel in seinen Kopf eingedrungen. Er sehnte sich danach, seine schweren Glieder auszuruhen, sich einen Augenblick hinzulegen, nur einen Augenblick ... Simon lehnte sich an die Mauer, spürte aber keine Steine, sondern nur Holz und eine Klinke im Rücken. Langsam fielen ihm die Augen zu, und er sank zu Boden.

Seltsame Dinge geschehen, wenn einem Lebend-Schutzschild die Kräfte schwinden. Seine verschiedenen Teile beginnen, selbst Entscheidungen zu treffen. So kam es, dass die verborgene Pforte, als Simon an ihr zu Boden sank, erkannte, dass sie ihn einlassen musste. Sie sprang auf, und er fiel rücklings über die Schwelle. Die Pforte gab ihm einen eleganten Klaps, sodass er vollends hindurchpurzelte, und schloss sich so schnell wie möglich wieder. Ein paar Nebelranken wollten hinter ihm hineinschlüpfen, wurden aber gestoppt, als die Pforte wieder eins mit der Mauer wurde.

In der klaren Luft im Hof kam Simon bald wieder zu sich. Wackelig stand er auf und atmete tief durch. Er schaute an dem Turm hinauf, der über ihm in den Himmel ragte und mittlerweile bis auf das Rot des erlahmenden Schutzschilds fast dunkel war, und kam sich sehr klein vor. Zittrig stieg er die breite Marmortreppe hinauf zu der silbernen Flügeltür, die den Turm bewachte.

Wieder erkannte der Lebend-Schutzschild, dass Hilfe kam. Die große Flügeltür öffnete sich geräuschlos, und mit klopfendem Herzen trat Simon in die große Halle. Als die Tür sich hinter ihm wieder schloss, hielt er kurz inne. Er konnte kaum glauben, dass er tatsächlich im Zaubererturm war. So lange hatte er davon geträumt, eines Tages den Fuß in den Turm zu setzen und ihn aus einer Gefahr zu retten, und nun, da er genau dies tat, kam ihm alles so unwirklich vor.

Doch im Zaubererturm hatte sich einiges verändert. Seit seiner Kindheit war Simon nicht mehr in der Großen Halle gewesen. Er hatte sie als hellen, freundlichen Ort in Erinnerung, erfüllt von einem magischen Summen, mit Wänden, über die schöne Bilder flimmerten, und einem faszinierenden Fußboden, der die Namen der eintretenden Besucher schrieb. Er hatte alles an der Halle geliebt, den geheimnisvollen Geruch von Magie, die klare Luft, das betriebsame Surren der sachte rotierenden silbernen Wendeltreppe. Und nun war alles dahin.

Die Lichter waren fahl und trüb, die Wände dunkel, der Fußboden leer, und die silberne Wendeltreppe stand still. Schattenhafte Gestalten von Zauberern und Lehrlingen gingen verstreut in der Großen Halle herum. Die Jüngeren wanderten nervös auf und ab, die Älteren waren vor Erschöpfung zusammengesackt, ganz auf die mühselige Aufgabe konzentriert, den Schutzschild mit Energie zu speisen, so klein ihr Beitrag auch sein mochte.

Plötzlich trat Hildegard aus dem Schatten. Blass und verhärmt, mit dunklen Ringen unter den Augen, sah sie Simon zur Treppe gehen. Sie hielt ihn nicht auf, und sie stellte keine Fragen. Es wäre Energieverschwendung gewesen. Wenn der Turm ihn hereingelassen hatte, dann war er nicht ohne Grund hier. Sie konnte nur hoffen, dass es ein guter war.

Simon lief die stillstehende Treppe hinauf. Auf dem Weg durch die verdunkelten Stockwerke hörte er hier und dort, wie müde ein Zauberspruch gemurmelt wurde, doch die meiste Zeit war es still. Er konnte sehen, dass das orangerote Licht draußen zusehends verblasste, und er wusste, dass, sobald es ganz erloschen wäre, würde das Dunkelfeld in den Turm eindringen. Wie lange noch Zeit bliebe, konnte er nicht sagen, aber er rechnete eher mit Minuten als mit Stunden.

Im zwanzigsten Stock sprang er von der Treppe, rannte den breiten Korridor hinunter und warf sich gegen die lila Tür der Außergewöhnlichen Zauberin.

Im Studierzimmer diktierte Marcia gerade die Symbole, die von den Linien auf der Manuskriptorium-Scheibe hervorgehoben wurden. Sie war zu dem Schluss gekommen, dass ihnen nichts anderes übrig blieb, als der Reihe nach jede einzelne als Anfang der Formel auszuprobieren. Es gab neunundvierzig zusammengehörige Paare. Das bedeutete, dass der Große Umkehrer aus neunundvierzig Wörtern bestand – und folglich neunundvierzig mögliche Anfänge hatte, aber nur einer der richtige war. Da der Große Umkehrer ein uralter Zauberspruch war, wusste Marcia, dass er nicht unbedingt einen Sinn ergeben musste, daher gab es keinen Hinweis darauf, mit welchem Wort er beginnen könnte. Die Außergewöhnliche Zauberin ging ein hohes Risiko ein, aber ihr blieb keine andere Wahl, vielleicht hatte sie Glück und fand auf Anhieb die richtige Reihenfolge.

Also diktierte sie rasch: »Null, Stern, drei, Magie, Labyrinth, Gold, Henkelkreuz, Quadrat, Ente – ja, ich habe Ente gesagt –, zwei, Zwilling, sieben, Brücke ... oh!« Plötzlich schaute Marcia auf. »Die Tür zu meinen Gemächern ... sie hat jemanden hereingelassen«, flüsterte sie. »Jemanden von draußen.«

Alle sogen scharf die Luft ein. »Ich gehe nachsehen«, sagte Silas und wollte das Studierzimmer verlassen.

»Warte, Silas!« Alther erhob sich von seinem Platz. »Ich werde gehen. Verriegle die Tür hier mit einem Zauber, wenn ich draußen bin.«

»Danke, Alther«, sagte Marcia, als der Geist sich rasch auflöste und durch die Tür verschwand. »Wo waren wir stehen geblieben? Oh, Mist, ich weiß es nicht mehr. Ich fang noch einmal von vorn an, Septimus. Null, Stern, drei, Magie, Labyrinth, Gold, Henkelkreuz, Quadrat, Ente, zwei, Zwilling, sieben, Brücke, Spirale, vier, Ellipse, plus, Turm – Alther, sind Sie das?«

»Ja, entriegeln Sie bitte die Tür, Marcia. Rasch. Hier ist jemand, der Sie sprechen möchte.«

Alle sahen einander fragend an. Wer mochte das sein?

Es herrschte verblüfftes Schweigen, als Alther Simon hereinführte. »Bevor Sie etwas sagen, Marcia, dieser junge Mann hat Ihnen eine wichtige Mitteilung zu machen. Er weiß, wo Sie anfangen müssen.«

»Tatsächlich?« Marcia runzelte die Stirn. »Alther, es gibt andere Zaubersprüche, die auf diesen Geheimformeln beruhen, und einige davon sind ausgesprochen gefährlich. Woher soll ich wissen, dass er mir den richtigen Anfang nennt?«

Septimus, Nicko und Jenna sahen einander an. Andere Zaubersprüche? Dann hoffte Marcia also nur darauf, dass sie zufällig den richtigen zuerst erwischte? Die Lage war also noch schlimmer, als sie gedacht hatten.

»Ich kenne ihn seit seiner Geburt«, sagte Alther. »Ich glaube, dass Sie ihm vertrauen können.«

»Ja«, sagte Simon leise, »Sie können mir vertrauen. Ehrlich.«

Marcia sah Simon an. Er war klatschnass, zitterte vor Kälte, und in seinen Augen stand Verzweiflung – eine Verzweiflung, die ihrer eigenen wie ein Spiegelbild glich. Sie traf ihre Entscheidung.

»Na schön, Simon«, sagte sie. »Würden Sie uns zeigen, wo der Große Umkehrer beginnt?«

Und so fand sich Simon in einer Lage wieder, die er niemals für möglich gehalten hätte. Er saß in der Spitze des Zaubererturms am Schreibtisch der Außergewöhnlichen Zauberin, umgeben von berühmten Büchern und Gegenständen – darunter, wie er bemerkte, auch sein Fährtensucherball Spürnase. Und im Beisein seines Vaters und seines jüngsten Bruders würde er nun der Außergewöhnlichen Zauberin etwas erklären, das die ganze Burg retten konnte.

»Der Ausgangspunkt ist im Stichwortverzeichnis des Schwarzen Index angegeben«, sagte er.

Mit zitternden Händen ergriff er das Buch. Im ersten Moment erschien es ihm wie ein alter Freund, bis ihm einfiel, dass es in Wahrheit ein alter Feind war. Die zahllosen kalten, einsamen und manchmal schrecklichen Nächte, die er damit zugebracht hatte, darin zu lesen, kamen ihm wieder in den Sinn, und auch das letzte Mal, als er es gesehen hatte. In der Absicht, der Schwarzkunst abzuschwören, hatte er es damals ganz hinten in einen Schrank gestopft und die Tür abgeschlossen. Nie hätte er sich träumen lassen, dass er es hier, im Zaubererturm, wieder in den Händen halten würde.

Behutsam klappte er den Rückendeckel des Schwarzen Index auf. Einen kurzen Zauberspruch murmelnd, fuhr er mit dem Finger über das abgegriffene Nachsatzblatt, und Buchstaben erschienen unter seinen Fingern.

Marcia ließ ein ärgerliches »Ts, ts« vernehmen. Ein simpler Enthüllungszauber – warum war sie nicht selbst darauf gekommen?

Unter Simons wanderndem Finger erschien ein alphabetisches Verzeichnis. Beim Buchstaben G wurde sein Finger langsamer, und alle warteten, doch das Stichwort Großer Umkehrer war in dem Verzeichnis nicht aufgeführt. Spürbar erfüllte nun Misstrauen den kleinen Raum, und als Simon zu dem Buchstaben U kam, begann seine Hand zu zittern. Doch da erschien es: »Umkehrer, der Große«. Simon seufzte vor Erleichterung auf und reichte Marcia den enthüllten Index.

»»Umkehrer, der Große««, las sie laut vor. »»Beginne mit Magie und schließe mit Feuer.‹ Danke, Simon.«

Simon nickte. Er wagte nicht zu sprechen.

Marcia setzte ihre Brille wieder auf und schlug den Schwarzen Index auf. »Septimus, lies mir jetzt noch einmal die Symbole vor, bei Magie beginnend. Aber bitte langsam.«

Und so ging Septimus die Liste durch. Bei jedem Symbol machte er eine Pause, während Marcia schnell durch die Seiten blätterte, die von Merrins pappigen Händen ganz klebrig und voller Fettflecken waren. Auf jeder Seite begann der Text mit einem der Symbole und ganz unten auf der Seite standen zwei Zahlen, die für den oberflächlichen Betrachter wie Seitenzahlen aussahen. Marcia notierte sich die Zahlen, dann sagte sie schnell: »Weiter.« Es schien eine halbe Ewigkeit zu dauern, doch in Wahrheit verstrichen nur wenige Minuten, bis Marcia eine Kolonne von neunundvierzig Zahlenpaaren auf ihrem Blatt stehen hatte.

Sie reichte Septimus das Blatt und schlug Die Vernichtung der Dunkelmächte auf.

»Lies mir jetzt bitte laut die Zahlen vor, Septimus.«

Das rote Glühen, das seinen Schein in das Studierzimmer geworfen hatte, erlosch wie eine Lampe.

»Der Schutzschild ist zusammengebrochen«, sagte Marcia grimmig.

Weit unten stürzte die Barrikade ein, und das erste Gespenst stieg über die Trümmer hinweg und trat in den Hof des Zaubererturms. Zwölf weitere drängten nach, gefolgt von einem schwarzen Nebelschwall.

Oben im Zaubererturm las Septimus die erste Zahl des ersten Zahlenpaares vor. »Vierzehn.«

Hastig blätterte Marcia durch die dicken Seiten der Vernichtung der Dunkelmächte bis zu Seite vierzehn.

Septimus las die zweite Zahl des ersten Paares vor. »Achtundneunzig.«

So schnell sie konnte, zählte Marcia die Wörter auf Seite vierzehn ab, bis sie das achtundneunzigste Wort erreichte.

»Es.« Ein sehr kurzes Wort für eine so mühsame Suche.

Und so begann Marcia, den Großen Umkehrer zusammenzusetzen, was trotz ihrer Eile nur quälend langsam vonstatten ging.

Draußen vor dem Zaubererturm, auf der obersten Stufe der Marmortreppe, hob ein Gespenst seinen langen, knochigen Finger und drückte gegen die große silberne Flügeltür. Die Tür schwang auf wie die angelehnte Tür eines Schuppens bei einem leichten Sommerwind. Das Gespenst betrat den Zaubererturm, und das Dunkelfeld wälzte sich hinter ihm hinein. Die Lichter erloschen, und jemand schrie. In ihrem dunklen Kabuff war Hildegard plötzlich davon überzeugt, dass ihr kleiner Bruder, der im Alter von sieben Jahren bei einer Kämpf-oder-stirb-Übung der Jungarmee verschollen gegangen war, draußen vor der Tür stand. Sie rannte hin, öffnete, und der schwarze Nebel schwappte herein.

Gespenster strömten über die Schwelle und brachten das Dunkelfeld mit. Sie liefen durch die Halle, zertrampelten den sterbenden Fußboden und sahen zu, wie Zauberer und Lehrlinge in sich zusammensackten. Dann wanderten sie zur Wendeltreppe hinüber und erklommen die Stufen, gefolgt von dem schwarzen Nebel, der hinter ihnen langsam durch den Turm nach oben stieg und Winkel für Winkel mit Dunkelheit erfüllte.

In der Spitze des Turms hielt Marcia ein Blatt Papier mit neunundvierzig Wörtern in den Händen, die, wie sie inständig hoffte, in dieser Reihenfolge den Großen Umkehrer bildeten. Zusammen mit Septimus und Alther stürzte sie die schmale Steintreppe zur Pyramidenbibliothek hinauf, rannte durch die kleine Tür und zu dem Fenster, das nach draußen führte. Sie wandte sich an Septimus.

»Du musst nicht mitkommen«, sagte sie.

»Doch«, erwiderte Septimus. »Sie brauchen alle Zauberkräfte, die Sie kriegen können.«

»Ich weiß«, sagte Marcia.

»Also komme ich mit.«

Marcia lächelte. »Dann hinaus mit uns. Sieh nicht nach unten.«

Septimus sah weder nach unten noch nach oben. Er heftete seinen Blick fest auf Marcias Mantelsaum, als er hinter ihr die Stufen der goldenen Pyramide hinaufstieg. Alther schwebte langsam hinterher.

Wenig später fand sich Marcia zum zweiten Mal in dieser Nacht auf der kleinen Plattform an der Spitze der goldenen Pyramide wieder. Aus irgendeinem Grund, der ihr selbst nicht klar war, hatte sie ihre spitzen, lila Pythonschuhe ausgezogen, sodass sie nun barfuß auf den uralten silbernen Hieroglyphen stand, die in die goldene Spitze geritzt waren. Sie wartete, bis Septimus neben ihr stand, und dann begannen die beiden gemeinsam, mit Stimmen, die wie Messer durch den schwarzen Nebel schnitten, die aus neunundvierzig Wörtern bestehende Zauberformel des Großen Umkehrers zu sprechen.

»Es werde ...«

Weiter unten tippte das Obergespenst träge mit dem Finger gegen die große lila Tür, die Marcias Gemächer bewachte. Zwölf Gespenster drängten sich erwartungsvoll hinter ihm und warteten darauf, ihr neues Zuhause in Beschlag zu nehmen. Die Tür sprang auf, und mit einer Grimasse, die eventuell ein Grinsen war, drehte sich das Obergespenst kurz zu seinen Gefährten um. Dann stand das Grüppchen da und sah genüsslich zu, wie der schwarze Nebel in die Gemächer quoll und Marcias geliebtes Sofa umrankte.

Auf der Spitze der goldenen Pyramide sprachen Marcia Overstrand, die Außergewöhnliche Zauberin, und Septimus Heap, ihr Außergewöhnlicher Lehrling, die allerletzten Worte des Großen Umkehrers.

Marcias Tür knallte den Gespenstern vor der Nase zu. Dann ertönte ein lautes Surren – die Tür verriegelte sich selbst und sandte sicherheitshalber noch eine Schockwelle aus. Dreizehn Gespenster schrien. Ein Schrei aus dreizehn Gespensterkehlen ist nicht besonders wohlklingend, doch für Septimus und Marcia, die wankend auf der Spitze der goldenen Pyramide standen, war er das Lieblichste, was sie je gehört hatten.

Und was sich dann ihren Blicken darbot, war das Schönste, was sie je gesehen hatten – der schwarze Nebel wälzte sich in immer rascherem Tempo fort, und da sahen sie wieder alles, was sie so liebten: das Kunterbunt der Dächer, die verwitterten Mauern und Zinnen, die Türme und Türmchen, ihre Silhouetten vor dem rosafarbenen Himmel des heraufdämmernden neuen Tages. Und noch während sie zusahen, wie die Sonne aufging und die unten lauernden Schatten vertrieb, fielen die ersten dicken Schneeflocken der Großen Kälte. Marcia und Septimus lächelten einander an – das Dunkelfeld existierte nicht mehr.

Ein paar Minuten später führte eine strahlende Marcia alle in ihr Wohnzimmer und riss die Fenster auf, um den muffigen Geruch der Dunkelkräfte hinauszuscheuchen. Jim Knee schlief zusammengerollt auf seinem gewohnten Platz auf dem Sofa neben Jillie Djinn, so wie Marcia sie zurückgelassen hatte. Doch irgendetwas an der Haltung der Obermagieschreiberin machte Marcia stutzig. Sie lief zu ihr.

»Sie ist tot!«, stieß Marcia entsetzt hervor. Und dann, noch viel bestürzter, rief sie: »Sie ist auf meinem Sofa gestorben!«

Jillie Djinn war nach hinten gesunken, den Mund leicht geöffnet, die Augen geschlossen wie im Schlaf. Ihr Körper war da, aber sie selbst war fort – was immer Jillie Djinn gewesen sein mochte, es war nicht mehr. Der Große Umkehrer war auch ihr Ende gewesen.

Septimus Heap 06 - Darke
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